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Storytelling ist mehr als nur ein Modewort

Marcus Knill

Ein Arzt zeigte mir jüngst ein Büchlein, aus dem er bei heiklen Fällen dem Patienten eine passende Geschichte vorzulesen pflegte. (Jorge Bucay, «Komm, ich erzähl dir eine Geschichte.») Er sagte, dass er oft mit einer Geschichte mehr bewirken könne als mit langen Überzeugungsgesprächen.

Nach Bucay lässt sich mit einer Geschichte Kompliziertes vereinfachen. Sie hilft dem Zuhörer, Probleme besser zu verstehen. Erwachsenen erzählt man nicht Geschichten zum Einschlafen, wie Kindern, sondern damit sie aufwachen und den Weg zur Lösung eines Problems finden.

Geschichten können somit helfen, sich selbst zu helfen. Dank passender Geschichte, betrachten wir einen komplexen Sachverhalte von einer anderen Seite. Geschichten beschleunigen Verhaltensänderungen. Sie sind ein wichtiger Teil unseres Lebens und können die Vorstellungskraft der Menschen stärken. Geschichten veranschaulichen abstrakte Sachverhalte. Sie erzeugen einen «Film im Kopf». Worte werden mit Bildern verknüpft und so im Gehirn verankert.

Ein Beispiel aus dem Buch:

Demian hat Probleme mit seiner Lebensgefährtin Gabriela. Es komme mit ihr seit Wochen zu Streitereien über die Ferienplanung. Seine Frau raube ihm den letzten Nerv. Sie höre ihm nie zu. Der Berater erzählt nun Demian eine passende Kurzgeschichte. Ich zitiere:

Ein Mann ruft den Hausarzt der Familie an.

«Hallo Ricardo, hier ist Julian.»

«Hallo, was gibts Neues, Julian?»

«Du, ich mach mir Sorgen um Maria»

«Wieso, was ist mit ihr?»

«Ich glaube, sie wird taub. Du musst sie dir mal ansehen.»

«Taubheit ist keine lebensbedrohliche Krankheit.  Woran ist dir denn aufgefallen, dass sie nichts hört?»

«Sie antwortet nicht, wenn ich sie rufe.»

«Verstehe. Das könnte ein Pfropfen im Ohr sein. Lass uns doch mal ausprobieren, wie schwerhörig Maria tatsächlich ist. Wo bist du gerade?»

«Im Schlafzimmer.»

«Und wo ist sie?»

«In der Küche»

«Gut. ruf sie doch einfach her.»

«Mariaaaa…! Sie hört mich nicht.»

«Geh mal zur Schlafzimmertür und ruf auf den Flur hinaus.»

«Mariaaa…! Keine Chance.»

«In Ordnung. Nimm das Handy und geh dann durch den Flur auf sie zu, damit wir sehen, wann sie dich hört.»

«Mariaaa…! Mariaaaa…..! Mariaaa…! Nichts zu machen. Ich steh nun vor der Küchentür und sehe sie. Sie dreht mir den Rücken zu und spült ab. Aber sie hört mich nicht. Mariaaa…..! Aussichtslos.»

«Geh näher ran.»

Der Mann betritt die Küche und nähert sich Maria. Er legt ihr die Hand auf die Schulter und schreit ihr ins Ohr: «Mariaaaaa…!»

Die Frau dreht sich wütend um und sagt: «Was willst du? Was willst du, was willst du, was wiiiillst du! Du hast mich schon zehnmal gerufen und zehnmal habe ich geantwortet und gefragt, was du willst. Jeden Tag wirst du tauber. Wann gehst du endlich mal zum Arzt?»

Die Quintessenz der Geschichte wird Demian auch noch nachgereicht:

«So etwas nennt man Projektion. Jedes Mal wenn ich etwas sehe, was mich an anderen stört, sollte ich mich daran erinnern, dass auch immer ein kleines, ein klitzekleines Stück von mir selbst ist. Zurück zu dir. Wie war das mit Gabrielas Taubheit?»

Damit sind wir bei der Wirkung von Geschichten. Heute hat auch in der Werbung und im Marketing Storytelling, narrative Rhetorik einen besonderen Stellenwert. Überall spricht man vom Narrativ. Es ist zum Modewort geworden. Die Kraft von Geschichten ist jedoch keine neue Erkenntnis. Schon in der Bibel hat es viele Geschichten und Gleichnisse, die veranschaulichen, was wichtig ist.

Die positive Wirkung von Geschichten mag zwar unwahrscheinlich klingen. In meiner Tätigkeit habe ich aber immer wieder die Kraft von Geschichten selbst erfahren.

Übrigens verzichtet der besagte Arzt, der nur in gewissen Fällen dem Patienten eine Geschichte vorliest, nicht auf Diagnose und Therapie. Er versicherte mir aber, dass sich in erstaunlich vielen Fällen der angebliche Zeitaufwand für das Erzählen auszahle.



Marcus Knill ist Experte für Medienrhetorik, Coach, Dozent und Autor von rhetorik.ch.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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