10.09.2020

Serie zum Coronavirus

«Teilweise waren die Reaktionen hoch kreativ»

Gerhard Pfister, Präsident der Partei, die einen anderen Namen will, in der Folge 116 über Spott im Web, Covid im Bundeshaus und was gute Tweets mit Haikus gemein haben.
Serie zum Coronavirus: «Teilweise waren die Reaktionen hoch kreativ»
Gerhard Pfister, Parteipräsident CVP Schweiz, während der Delegiertenversammlung der CVP Schweiz am Samstag, 5. September 2020, in Baden. (Bild: Keystone/Alexandra Wey)
von Matthias Ackeret

Herr Pfister, was hat Sie in den letzten Monaten mehr beschäftigt: Der Namenswechsel der CVP (persoenlich.com berichtete) oder Corona?
Beides, auf verschiedene Art und Weise. Die Öffnung der CVP ist ein Projekt, das seit Dezember 2019 viel parteiinterne Arbeit brauchte. Corona hat diese Arbeit noch erschwert, verlangsamt, und ist natürlich eine Jahrzehnt-Herausforderung für die Schweizer Politik, die Gesellschaft, die Wirtschaft. Beides beschäftigt mich nicht nur von der Arbeitsintensität her, sondern auch emotional, und dies unterschiedlich. Die Arbeit für die Partei ist eine unglaublich spannende, und deshalb begeisternde Sache. Corona und die Herausforderungen für die Politik machen mir Sorgen, und ich fürchte, wir kennen noch nicht alle Konsquenzen im vollen Ausmass.

Was gab für Sie schlussendlich den Ausschlag, das C verschwinden zu lassen?
Persönlich habe ich zum ersten Mal vor 16 Jahren, im Gespräch mit dem damaligen Ständerat Carlo Schmid, mich damit auseinandergesetzt. Carlo war schon damals überzeugt, dass die Wahrnehmung der CVP als Partei für besonders religiöse oder katholische Wählerinnen und Wähler sie daran hindere, zu wachsen, dass sich aus dem (zu) hohen Anspruch des C keine kohärente Politikanweisung formulieren lasse.

«In den Online-Umfragen von verschiedenen Medien erhielt der neue Name und das Logo 60 Prozent Zustimmung»

Sonst noch etwas?
Erfahrungen aus dem Wahlkampf 2019 waren für mich aber dann entscheidend, den Aufbruch jetzt konkret anzugehen. Wir haben mit einer der besten Mobilisierungsfähigkeit aller Parteien dennoch minim Wähleranteile verloren. Das heisst, auch bei maximaler Mobilisierung schaffen wir es nicht, neue Wählerinnen und Wähler anzuziehen. Im Wahlkampf konnten wir oft von Menschen hören: Mein Smartspider passt am besten zur CVP. Aber leider bin ich weder besonders religiös noch katholisch. Deshalb kann ich CVP nicht wählen. Und letztens bestätigte uns eine externe Analyse ein Potential von knapp 20 Prozent Wähleranteilen.

Nun gab es im Netz für flotte Sprüche und Verballhornungen für den neuen Namen. Überrascht Sie dies?
Nein. Damit muss man rechnen. In den Online-Umfragen von verschiedenen Medien erhielt der neue Name und das Logo 60 Prozent Zustimmung. Und die allermeisten Reaktionen, auch die kritischen, waren völlig ok, oder teilweise hoch kreativ. Das ist doch toll!

Wie waren die persönlichen Reaktionen, die Sie auf den geplanten Namenswechsel bekommen haben?
Die meisten positiv. Man ist grösstenteils parteiintern froh, dass man jetzt dann entscheiden kann, dass der konkrete Namensvorschlag vorliegt, den man jetzt diskutieren kann. Natürlich gibt es auch kritische Reaktionen, die Mühe haben mit diesem Schritt, denen das C wichtig ist im Parteinamen. Es wäre ja nicht normal, wenn es anders wäre.

«Der Politikbetrieb ist fast wieder wie vorher – einfach mit Masken und Plexiglas»

Und wie reagierten die politischen Gegner beim Auftakt der aktuellen Session?
Mir persönlich gegenüber haben sich nur wenige Kolleginnen und Kollegen anderer Parteien geäussert. Müssen sie auch nicht. Wenn man mich darauf ansprach, dann meistens interessiert, fragend, oder lobend, weil wir halt doch eine grosse Medienpräsenz haben zur Zeit – das ist etwas, was die politische Konkurrenz interessiert oder was sie zumindest beobachten muss.

Inwiefern wird Corona den ganzen Politbetrieb verändern?
Das kann man noch nicht sagen. Der Politikbetrieb konkret ist ja fast wieder wie vorher, einfach mit Masken und Plexiglas. Persönlich hätte ich das grosszügige Expo Gebäude weiterhin genutzt.  Das ist aber nicht das Entscheidende. Covid wird weltweit – und natürlich auch in der Schweiz – gewisse Paradigmen ändern. Die Folgen können wir noch gar nicht alle abschätzen.

Sie selbst sind ein begeisterter Twitterer. Ganz kurz: Was zeichnet eigentlich einen erfolgreichen Tweet aus?
Ich las einmal im wunderbaren Buch der Philosophin Susan Neiman: «Warum erwachsen werden?» vor ein paar Jahren, dass sie in einem Tweet auch die moderne Variante eines Haikus sehen kann. Das wäre ein idealer Tweet. Und solche – muss ich gestehen – gelingen mir selten. Aber ein guter Tweet muss kurz sein, Beachtung finden, eine Diskussion auslösen, ohne dass man sich dann in endloses Hin- und Her verkrallt. Twitter ist etwas meine persönliche thematische Spielwiese, wo ich mich gerne etwas deutlicher, einseitiger, persönlicher äussere, als als Parteipräsident, wo ich ja immer die ganze Partei vertrete, und deshalb zur Ausgewogenheit angehalten bin.



Was bedeutet die Corona-Pandemie für die verschiedenen Akteure der Schweizer Medien- und Kommunikationsbranche? Bis auf Weiteres wird persoenlich.com jeden Tag eine betroffene Person zu Wort kommen lassen. Die ganze Serie finden Sie hier.



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