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Von allen guten Geistern verlassen

Matthias Ackeret

Howgh, der Ständerat hat gesprochen: Zigarettenwerbung in Presse und Online soll verboten und Sponsoring stark eingeschränkt werden (persoenlich.com berichtete). Es ist fast wie im Wilden Westen: Die Zigarettenmultis und die Werbebranche sind die Bösen, die Befürworter dieser Werbeverbote die Guten.

Mit Verlaub: Dieser Entscheid zeugt von einer grossen Heuchelei und Kurzsichtigkeit. Leidtragende dieser Regelung sind nicht die Raucher oder die Gesunden, sondern die Schweizerische Werbebranche mit rund 30'000 Mitarbeitenden, die bereits jetzt schon von den Konsequenzen der Digitalisierung betroffen ist.

Konsequent wäre doch, Zigarettenprodukte ganz zu verbieten oder in den Kantonen Neuenburg, Waadt oder Luzern, dort wo sich die Zigarettenmultis befinden, auf deren «schmutziges Geld», also die Steuergelder, zu verzichten. Solche Forderung aufzustellen, wagt selbstverständlich kein Politiker.

In unserer Gesellschaft hat sich die Maxime durchgesetzt: Wenn man das Übel schon nicht beseitigen kann, geht man auf die Werbung los. Man schlägt den berühmten Sack und meint eigentlich den Esel. Nach der Zigarettenindustrie wird schon bald die Banken-, Auto-, Flug-, Reise- und Nahrungsmittelwerbung unter neuen Verboten und Einschränkungen zu leiden haben. Unterstützung kann die Werbebranche von unseren Parlamentariern keine erwarten, zu verlockend sind die Verheissungen, als guter und edler Mensch dazustehen und sich im gesellschaftspolitischen Mainstream suhlen zu können. Und dies schreibe ich als überzeugter Nichtraucher.

Doch es kommt noch absurder: Viele Medien, die immer noch von den spärlich werdenden Inseraten leben, zeigen sich gegenüber der Werbe- und Marketingbranche verständnislos. So kritisierte der kulturfaffine «Tages-Anzeiger» am vergangenen Freitag, die Credit Suisse wegen ihrem Kultursponsoring beim Lucerne Festival. Aber wer sollte und kann denn überhaupt noch dieses hochstehende und sicher nicht ganz billige Kulturhappening bezahlen, wenn nicht ein finanzkräftiges, privates Unternehmen? Oder nehmen wir die «SonntagsZeitung», die am vergangenen Sonntag zu einem Lobgesang auf die Modekette Zara ansetzte, da diese «komplett auf Marketing» verzichte. Fazit der Autorin: «Stur und still bleiben», wenn alle laut sind, sei «grossartig».

Man braucht ja vor den Werbetreibenden wirklich nicht in die Knie zu fallen, aber vielleicht sollte man sich als Medienhaus und auch als Journalist mal eine Tausendstelsekunde überlegen, woher all die Einnahmen stammen, die unsere Branche noch am Überleben halten.

Wie wir wissen: sicher nicht von Zara. Und schon bald nicht mehr von Zigarettenindustrie. Aber ganz sicher nicht von Google, das vergangene Woche von der gesamten Politprominenz, also vom Bundespräsidenten über die Stadt- und Regierungspräsidentin als leuchtendster Hotspot unseres Landes gefeiert wurde. Die Konsequenzen für die Werbebranche wurden mit keinem Wort erwähnt.

Bei soviel Lobpreisung wäre es sogar dem Marlboro-Mann schlecht geworden.



Matthias Ackeret ist Verleger und Chefredaktor von «persönlich».

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Kommentare

  • Andre Tanner, 17.09.2019 15:49 Uhr
    Treffender Kommentar!
  • Ueli Custer , 17.09.2019 22:24 Uhr
    Voll einverstanden. Und noch etwas: Werbung in der Presse wird verboten, um Jugendliche zu schützen. Die sind ja die intensivsten Nutzer von Printmedien. Von Tüten und Blasen keine Ahnung!
  • Peter Eberhard, 18.09.2019 09:21 Uhr
    Da wird also ein Produkt, das legal produziert, legal vertrieben/verkauft und legal konsumiert wird, mit massiven Werbeeinschränkungen belegt. Und die Tabakbauern kriegen noch Subventionen. Ganz schön schräg.
  • Michael M. Maurantonio, 18.09.2019 11:52 Uhr
    Das ist hoffentlich ironisch gemeint. Ansonsten kann ich nur den Kopf schütteln. Es wurde durch Studien belegt, dass Werbeverbote etwas bringen. Der Konsum geht zurück. Wer das nicht verstanden hat, nimmt in Kauf, dass Menschen und v.a. unsere Kinder geschädigt werden. Schlimmer noch, stellt die "Wirtschaftlichkeit" in den Vordergrund. Anscheinend ist Geld doch mehr wert, als ein Menschenleben. Tabakkonzerne, Waffenschmieden, Kohle- und Atomkraftwerke, Diesel-Skandale usw. Man nimmt in Kauf, dass Menschen sterben, nur um den Shareholder-Value zu schützen. Einfach nur traurig diese Haltung. Vielleicht sollten Sie sich mit Betroffenen und deren Angehörige zusammensetzen und einfach mal demütig zuhören, statt die armen Reichen zu bemitleiden: EBITDA 2018: TAMedia 205.9 Mio CHF, Ringier Gruppe: 113 Mio CHF, APG 72.7 Mio CHF Wenn Missmanagement zu Abschreibungen führt, dann findet man die Schuldigen immer und gerne ausserhalb der eigenen Reihen.
  • Victor Brunner, 18.09.2019 12:16 Uhr
    Was M. Ackeret nicht schreibt, der Marlboro-Mann ist nach langer Krebserkrankung gestorben, mit den entsprechenden Gesundheitskosten. Die jährlichen Gesundheitskosten in der Schweiz wegen Zigaretten-Konsum belaufen sich auf 5,7 Mia Franken. Etwa gleich viel wie die Kampfflugzeugbeschaffung über mehrere Jahre kostet. Da ist es schon peinlich wenn die Werbewirtschaft über den Entscheid des SR jammert. Mehr soziales Verständnis und endlich ein Umdenken angebracht.
  • Urs-Werner Merkli, 18.09.2019 12:55 Uhr
    Alles was wirbt, also auch Empfehlungen für Produkte sofort unter Strafe stellen! Der Bürger kann nicht einschätzen was ihm gut tut. Der Bürger ist komplett ahnungslos und jede Selbstbestimmung muss abgewürgt werden. Nur so können wir uns in Bälde einem gesunden Alltag erfreuen und die Krankenkassenpflicht damit umgehend abschaffen. Auch Beratungen aller Art müssen schleunigst eingestellt werden. Individualität ist der wahre Feind unseres Wohlbefindens. Planwirtschaft heisst das Zauberwort und die geeigneten Politkräfte stehen längst zur Uebernahme bereit.
  • Ueli Custer, 20.09.2019 14:25 Uhr
    1. Dass Rauchen schädlich bestreitet ja niemand. Warum verbietet man denn nicht die Produktion und den Verkauf sämtlicher Raucherwaren? Das wäre konsequent. Mit Werbeverboten schlägt man den Sack und meint den Esel. 2. Wenn Werbeverbote wirklich so wirksam wären, warum war der Anteil der Raucher in den früheren Ländern des Ostblocks wo es überhaupt keine Werbung gab, deutlich höher als im Westen?

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