23.04.2019

Investitionen in Bezahlmedien

Wie Tamedia zahlende Leser gewinnen will

Der grösste Schweizer Verlag setzt verstärkt auf digitale Nutzerinnen und Nutzer als Einnahmequelle. Damit das gelingt, werden 30 Millionen Franken investiert. Ab sofort gilt: Mobile First. Bezahlmedien-Chef Serge Reymond hat die Mitarbeitenden zu Innovations-Inputs aufgerufen.
Investitionen in Bezahlmedien: Wie Tamedia zahlende Leser gewinnen will
Die Paywall in der Tagi-App. Tamedia wirbt mit dem Mobile-Abo für 9 Franken im Monat. (Bild: persoenlich.com)
von Michèle Widmer

«Der Durchbruch ist geschafft», verkündete Pietro Supino an der Jahresmedienkonferenz vor ein paar Wochen (persoenlich.com berichtete). Im vergangenen Jahr hat Tamedia die Zahl der Digitalabos um 50 Prozent gesteigert. Rund 70’000 Digitalabonnenten hatte der Verlag Ende 2018. Und so soll es weitergehen. Um den digitalen Wandel der Bezahlmedien voranzutreiben, investiert Tamedia 30 Millionen Franken zusätzlich in den kommenden drei Jahren. Bereits anfangs Jahr sind die neuen Teams von Christoph Zimmer (Chief Product Officer) und Marc Isler (Chief Revenue Officer) gestartet. Seit März ist zudem Reto Matter als Chief Technology Officer im Amt. (persoenlich.com berichtete).

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Die Millionen-Investition macht einen Paradigmenwechsel ersichtlich. Nach Jahren der Werbefinanzierung setzt der Verlag nun verstärkt auf Abonnenten als Einnahmequelle. «Werbung ist wichtig, aber wir messen unseren Erfolg künftig mit den Lesereinnahmen», sagt Serge Reymond, der in der Geschäftsleitung den Bereich Bezahlmedien unter sich hat, in einem ausführlichen Gespräch an der Zürcher Werdstrasse. Im Mittelpunkt der strategischen Entscheide würden neu die Bedürfnisse sowie das Konsumverhalten der Nutzerinnen und Nutzer stehen.

Der Wechsel weg von der digitalen Reichweiten-, hin zur Bezahlkunden-Strategie, zeigt sich besonders beim «Tages-Anzeiger»: Als eines der einzigen Medien hat der Tagi in den letzten Jahren beim Onlineportal an Reichweite eingebüsst. Den Verlust von 12 Prozent der Webnutzer begründete Chefredaktorin Judith Wittwer im Jahr 2018 mit dem «Fokus auf der Steigerung der Digitalabos». Mittlerweile sind beim Tagi 20 Prozent der Abonnements rein digital.

Fraglich ist, wie der Verlag diese Bezahlmedien-Strategie mit den Gratiszeitungen vereinbart. Während die Leserinnen und Leser beim «Tages-Anzeiger» oder der «Tribune de Geneve» die Kreditkarte zücken müssen, werden ihnen die Inhalte auf 20min.ch oder lematin.ch kostenlos serviert. Als Pendlermedium verfolge «20 Minuten» einen unterschiedlichen publizistischen Ansatz als die Bezahlmedien, heisst es bei Tamedia. Sie würden komplementär zueinander stehen und sich daher nicht ausspielen. «Unsere Bezahlmedien setzen stark auf die lokale Verankerung, Hintergrund, Analysen und Serviceartikel aber auch Kolumnen oder Blogs. Ferner profitiert die Leserschaft von Kompetenzen wie Recherche, Datenjournalismus, Analyse, Bewegtbild oder digitales Storytelling», erklärt Reymond.

Künftig gilt: Mobile First

Der Plan ist klar: Zwei Drittel des Geldes sollen in den redaktionellen, ein Drittel in den kommerziellen Bereich fliessen. 20 Millionen Franken also, die in den nächsten drei Jahren in die Redaktion investiert werden. Reymond nennt dazu drei Stichworte: «Mobile First, neue digitale Formate und Automatisierung». Smartphones seien die neuen Druckereien, ergänzt er. Künftig müsse sich alles um diesen kleinen Bildschirm drehen. Die Möglichkeiten hier mit Video, Audio und Infografik einen Mehrwert für die Leser zu schaffen seien vielfältig. Als Beispiel für ein erfolgreiches digitales Projekt, das auf die Leser ausgerichet ist, nennt Reymond die neue App der «Finanz und Wirtschaft» namens «FuW jetzt» (persoenlich.com berichtete).

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Auf kommerzieller Ebene sollen die 10 Millionen hauptsächlich für die weitere Entwicklung von flexiblen Abo-Angeboten und personalisierten Check-outs ausgegeben werden. Mit einem Bezahlprozess auf zwei Klicks reduziert nimmt Tamedia in Europa nach eigenen Angaben bereits jetzt eine «Pionierrolle» ein. Nun geht es darum, die bestehenden Bezahlkontakte auszubauen – vom Tagespass, über das Monats- hin zum Jahresabo und weiteren kostenpflichtigen Leistungen.

Inputs von den Mitarbeitenden gefragt

Um im Rahmen dieser Strategie digitale Produkte lancieren und interne Prozesse anpassen zu können, soll das Wissen aller Mitarbeitenden in Redaktion, Verlag oder IT angezapft werden. In der ersten April-Woche hat sie Reymond an verschiedenen Veranstaltungen informiert und gleichzeitig zur Einreichung von Inputs aufgerufen. «Dass spannende Ideen da sind, zeigen jeweils die zahlreichen Inputs für den jährlich ausgeschriebenen Innovationsfonds», fügt er an. Diesen Prozess gelte es jetzt intern zu institutionalisieren und so kontinuierlich neue Ideen zu sammeln und umzusetzen.

Um das Tempo zu erhöhen, will Reymond in den verschiedenen Regionen stärker zusammenarbeiten. So sollen zum Bespiel in Winterthur oder in Genf verschiedenen Projekte getestet werden, die dann für alle Bezahlmedien zum Einsatz kommen könnten.

Hier Entlassungen, dort Investitionen

Reymonds Auftritt dürfte bei den Mitarbeitenden kritische Fragen ausgelöst haben. Tamedia hat im Rahmen der neuen Tamedia-Zentralredaktionen in Zürich und Genf in den letzten Monaten die Sparbremse gezogen. Viele Stellen wurden bei den bezahlten Tageszeitungen nicht mehr besetzt, bei der «Annabelle» kam es erst kürzlich zu zehn Entlassungen.

«Wir müssen effizienter werden, jedoch gleichzeitig in die Zukunft investieren, um als Unternehmen gesund zu bleiben», sagt Reymond dazu. Das sei manchmal paradox und im Falle von «Annabelle» für die betroffenen Mitarbeiterinnen «sehr schwer». Er weist darauf hin, dass sich durch die zusätzliche Investition auch Chancen für Mitarbeitende ergeben. Im Rahmen von Weiterbildungsmöglichkeiten will Tamedia bestehende Talente fördern. Wenn nötig, so Reymond, würden auch neue Stellen geschaffen. Aber: «Jede Investition muss direkt auf den Ausbau des digitalen Abo-Umsatzes einzahlen.»

Reymonds Fahrplan für die kommenden drei Jahre steht. Die Investitionen sollen so schnell greifen, dass sich die Zahl der Digitalabos jährlich um 50 Prozent steigert. Bis 2021 müsste der Verlag dann über 230'000 Digitalabonnenten vorweisen. Damit wäre der digitale Wandel der Bezahlmedien laut Tamedia «erfolgreich abgeschlossen». Weitere Ziele sind jedoch bereits gesteckt: Bis 2025 will Tamedia der mit Abstand führende Anbieter bei den kostenpflichtigen Informationsplattformen sein.



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Kommentare

  • Kurt Zurbuchen, 24.04.2019 10:42 Uhr
    Soso. Wenn - angeblich - die Bedürfnisse von uns LeserInnen im Mittelpunkt stehen, müssen zuerst einmal die überhöhten Preise für die Digitalabos runter. Es ist lachhaft, 18 Stutz pro Monat zu verlangen, wenn die New York Times nicht einmal die Hälfte kostet. Zudem wird sehr viel zweitklassiger Content als "ABO+" verkauft, sogar Blogartikel. Das kann ich nicht ernst nehmen.
  • Robert Penzinger, 24.04.2019 13:51 Uhr
    Zurbuchen hat recht: Digital kostet technisch fast nichts: kein Papier, kein Druck, keine Spedition, kein Austragen der Zeitung. Die Relationen zwischen Print und Digital stimmen da nicht!
  • Susanne Berger, 24.04.2019 23:12 Uhr
    Ich finde es eher beschämend, wenn man nicht bereit ist, für den täglichen Medienkonsum etwas über 1.50 pro Tag zu bezahlen. Natürlich braucht ein Digitalabo kein Papier (dafür braucht Papier kein Bewegtbild...), aber etwas besseren Content kostet etwas. Ich für mein Befinden stelle fest, dass der Tagi im Vergleich zu anderen grossen Schweizer Tageszeitungen ok ist. Eine NYT hier als Vergleich heran zu ziehen, ist nur schon in Anbetracht der viel grösseren Reichweite und der Damit verbundenen Skaleneffekte weder fair noch zielführend. Für Journalismus sollte wirklich wieder bezahlt werden, auch um die Unabhängigkeit der Medien zu wahren.
  • Victor Brunner, 01.05.2019 08:07 Uhr
    P. Supino hat den TA an den Rand des Abgrunds gefahren, S. Reymond fährt mit der Bezahl-Kundenstartegie darüber hinaus!

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