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Sammelwut aller Orten

René Zeyer

Ich bewundere die oft schrägen und meist bedauernswerten Gestalten, die im Nahkampf versuchen, von eiligen Passanten Geld einzusammeln. Flexibler als früher, was die Summe, aber etwas fantasielos, was die Begründung betrifft: Essen, Billett, Zigis.

Professioneller gehen das Bettlerbanden an, meist aus osteuropäischen Gefilden. Sie arbeiten mit orthographisch mangelhaften Schildern und Blicken voller Leid, untermalt von unverständlichen, gemurmelten Klagen.

Noch professioneller ist natürlich Crowdfunding. Die Leute haben zu viel Geld; das wird offensichtlich, wenn man den neusten Lustschrei einer Berliner «Edelprostituierten» vernimmt. Salomé Balthus vermeldet, dass das Spendenziel von 15'000 Euro erreicht sei (persoenlich.com berichtete).

Wofür? Nun, für den Kampf einer «linken Hure gegen rechte Zeitung». Was ist der denn angetan worden? Ein Journalist der Weltwoche bezahlte für ihre Dienste, ohne die vollständig in Anspruch zu nehmen. Und obwohl man seinem Bericht darüber ein leichtes Schauern vor dem Verruchten anmerkte, entlarvte er doch die ganze Erbärmlichkeit der Konversation der angeblich so intellektuellen Hure, Beispiel: «Wie stöhnen Sie denn?»

Die sah dadurch ihr Geschäftsmodell gefährdet, Pardon, ihre Persönlichkeit verletzt. Sie wäre zwar für Geschlechtsverkehr bereit gewesen, aber nicht für die journalistische Verwendung der gemieteten Sprechzeit. Und dafür brauche sie angesichts der «horrenden Kosten» eines Prozesses in der Schweiz eben 15'000 Euro.

Was haben denn nun die Freier, Pardon, Spender, von ihrem Geld? Nicht wirklich viel, das ist halt bei diesem Gewerbe so. Die Weltwoche müsse nun «damit rechnen, dass ich Klage einreiche», droht die linke Hure. Vorausgesetzt, die Vergleichsverhandlung ende ergebnislos. Aha. Ich wage doch glatt die Prognose: Der Termin beim Friedensrichter wird ohne Gestöhne und unfriedlich enden. Dann sind wir aber mal gespannt, ob anschliessend tatsächlich Klage eingereicht wird. Eines ist sicher: Die Weltöffentlichkeit wird garantiert darüber informiert werden.

Mit Bordmitteln ist auch die Republik mal wieder auf Geldsuche. Denn bei ihr gilt: Nach dem Spendenaufruf ist vor dem Spendenaufruf. Nach der vollmundigen Ankündigung nach dem erfolgreichen Crowdfunding, dass nun die ersten zwei Jahre durchfinanziert seien, brauchte sie schon nach einem Jahr eine zusätzliche, schlappe Million. Das lässt sich natürlich steigern, bis 31. März braucht sie nochmal 2,2 Millionen. Ach, und 19'000 Verlegerinnen, Pardon, Abonnenten. Aber dann ist sie wirklich durchfinanziert. Bis zum nächsten Aufruf.

Obwohl die Republik mit Selbstentleibung droht, womit ja dann die Rettung der Schweizer Demokratie gescheitert wäre, sieht es eher eng aus. Stand 19. Februar seien 1,55 Millionen eingegangen. Wobei die Republik nicht klarmacht, ob die Summe schon in der Kasse klingelt oder auch aus blossen Zusagen besteht. Beim letzten Betteln erwiesen sich ja auch ein paar hunderttausend als leere Versprechungen.

Nicht viel besser sieht es bei den Abos aus; zum gleichen Datum seien haargenau 17'765 Zahler über den 31. März hinaus an Bord. Und laufen damit das Risiko, sich an diesem Tag ihr Abo teilweise oder vollständig ans Bein streichen zu können, wenn die Republik wie angedroht den Stecker rauszieht, sollten es nicht wenigstens 19'000 Abonnenten sein.

Woran liegt es eigentlich, dass Bettler auf der Strasse, selbst eine Prostituierte, die Skandalisierung als Geschäftsmodell betreibt, um im harten Konkurrenzkampf in Berlin Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, dass also mit eher zweifelhaften Begründungen erfolgreich Geld eingesammelt wird, während die sich selbst für unentbehrlich haltende Republik auf der Zielgeraden schlapp zu machen droht?

Vielleicht zieht sie ja nochmals einen reichen Erb-Linken aus dem Ärmel, der im letzten Moment die fehlende halbe Million einschiesst. Und Abo- oder Leserzahlen, das weiss ja jeder, kann man notfalls auch ein wenig frisieren, faken, schönlügen. Das tun Prostituierte schliesslich auch, wenn sie gefragt werden, ob’s ihnen auch gefallen hat. Das tun selbst Strassenbettler, wenn sie das Münz nicht für eine warme Mahlzeit, sondern für ein kaltes Bier ausgeben.



René Zeyer ist Inhaber von Zeyer Kommunikation in Zürich, Publizist (u.a. Weltwoche) und Bestsellerautor.

Der Autor vertritt seine eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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Kommentare

  • Victor Brunner, 20.02.2020 16:27 Uhr
    Was haben die Kommentare und die Bettelaktionen, sorry Crowfunding, gemeinsam. Beide sind peinlich, erheischen Aufmerksamkeit und haben das Bewegungsschema einer Wanderniere. Wie wäre es wenn RZ in REPUBLIK schreiben darf und dafür einen guten Sponsor liefert. Denn REPUBLIKMacherInnen und RZ wäre gedient, REPUBLIK hat Mehreinnahmen und Zeyer die Aufmerksamkeit die er sucht!

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