01.01.2019

Persönlichkeiten 2018

«Medienschaffende haben sichtbar gekämpft»

Zwei grosse Streiks haben das Jahr 2018 geprägt: jener der Nachrichtenagentur SDA und derjenige bei Tamedia Romandie. Die Medienschaffenden hätten so ihre Würde zurückerlangt, sagt Syndicom-Vizepräsidentin Stephanie Vonarburg im Teil neun unserer Serie.
Persönlichkeiten 2018: «Medienschaffende haben sichtbar gekämpft»
Wünscht sich «einen Stopp beim gigantischen, für die Medien bald selbstzerstörerischen Stellenabbau»: Stephanie Vonarburg, Vizepräsidentin und Leiterin Sektor Medien bei der Gewerkschaft Syndicom. (Bild: zVg., Grafik: Corinne Lüthi)
von Christian Beck

Frau Vonarburg, «2018 war ein schwieriges Jahr», sagte Verlegerpräsident Pietro Supino. Wie war das Jahr aus Gewerkschaftssicht?
Aus Sicht der Medienschaffenden und der Gewerkschaft waren die letzten Jahre schwierig. Viele Verlage haben massiv Arbeitsplätze abgebaut, insbesondere in den Redaktionen. Oft wurden das Personal und ihre Interessensvertretung gar nicht einbezogen, Sozialpartnerschaft war für viele Medienunternehmen ein Fremdwort. Das Jahr 2018 ist speziell, weil es das Jahr ist, in dem die Medienschaffenden für ihre Sache eingestanden sind. Sie haben sichtbar gekämpft und damit auch Respekt für ihren Beruf zurückgewonnen.

Das Jahr begann mit dem aufsehenerregenden Streik der Nachrichtenagentur SDA (persoenlich.com berichtete). Rückblickend: Was hat es gebracht?
Neben dem Materiellen haben die Medienschaffenden ihre Würde zurückerlangt und sich in der Branche Respekt verschafft. Sie haben der kompromisslosen Unternehmensführung gezeigt, dass sie als Kollektiv gemeinsam etwas erreichen können. An der Redaktionskommission (Reko) führt nun kein Weg mehr vorbei.

«Der Zusammenhalt der Redaktion war exemplarisch»

Wie schwierig war es, mit den Verantwortlichen zu verhandeln?
Es war anfänglich nur schon schwierig, den Verwaltungsrat, der die verheerenden Sparentscheide gefällt hatte, an den Verhandlungstisch zu bekommen. Seine Verhandlungsdelegation war anfänglich von den Hardlinern dominiert. Der Versuch, den Elan der Bewegung mit dem Gang vor die Eidgenössische Einigungsstelle auszubremsen, hat zum Glück nicht funktioniert. Der Zusammenhalt der Redaktion war exemplarisch, das Vertrauen in die eigene Verhandlungsdelegation blieb gross, das Verhandlungsresultat lässt sich sehen.

Wie häufig werden Sie heute noch seitens der Mitarbeiter der heutigen Keystone-SDA kontaktiert?
Der Konflikt hat die Zusammenarbeit etabliert, sowohl mit der Reko als auch individuell bei Anliegen der Mitglieder. Woran es weiterhin hapert, ist die offene und transparente Information der Unternehmensleitung über den Stand des Unternehmens, den Stellenetat und den Geschäftsverlauf. Die neuesten Einschüchterungsversuche zeigen, dass die teilweise neue Führung es leider noch nicht restlos verstanden hat, das Vertrauensverhältnis in der Redaktion wieder aufzubauen. Zudem kündigt sich mit der Sparvorgabe von weiteren zehn Stellen im nächsten Jahr ein neuer Konflikt an. Immerhin ist bereits jetzt geklärt, dass der Sozialplan vom 27. Juni 2018 auch für diese Abbaumassnahmen gilt. Es stellt sich aber die Frage, wie die Agentur derart ausgesaugt ihre dringend notwendigen und gefragten Leistungen für die Grundversorgung der Medien mit verlässlichen und geprüften Nachrichten künftig noch erbringen kann.

«Den Zeitpunkt für einen Streik kann man nicht frei wählen»

Auch in der Romandie wurde gestreikt: Zeitgleich zum Anstoss des WM-Spiels der Schweizer Fussball-Nati gegen Schweden legten Journalisten der Westschweizer Redaktionen von Tamedia die Arbeit nieder. Der Zeitpunkt war schlecht gewählt, alles schaute nach Russland…
Das Fussballspiel hat die Redaktionen von Tamedia Romandie nicht vom Streiken abgehalten. Den Zeitpunkt für einen Streik kann man nicht frei wählen, es handelt sich schliesslich immer um das letzte Mittel, wenn die Verhandlungen mit dem Arbeitgeber gescheitert sind. Am 3. Juli fassten die versammelten Redaktionen Anfang Nachmittag den Entscheid, in Streik zu treten. Der Auftakt war dann am späteren Nachmittag die Platzkundgebung vor der Tour Edipresse in Lausanne. Der Streik dauerte dann bis und mit 5. Juli. An diesem Nachmittag schaltete sich die Waadtländer Regierung als Schlichterin ein. Sowohl die Tamedia-Leitung als auch die Belegschaften liessen sich darauf ein, der Streik wurde sistiert.

Die Chefredaktion führte Anwesenheitsprotokolle, um die Mitarbeitenden vom Streik abzuhalten. Ein legitimes Mittel?
Legitim sicher nicht. Es ist ein Drohsignal und der Anfang der Repression. Es signalisiert, dass Retorsionsmassnahmen geplant werden. Das Streikrecht ist in der Schweiz aber von der Verfassung geschützt. Repression und Einschüchterung sind da fehl am Platz. Sie haben die Leute denn auch nicht abgehalten, sie standen praktisch geschlossen und mit hohem Engagement hinter der Streikbewegung. Mit diesen Präsenzkontrollen hat Tamedia den Streikenden dann auf den Löhnen Abzüge für die Streiktage gemacht. Das ist in der Schweiz leider legal, nur gibt es auch Arbeitgeber, die von diesem repressiven Mittel Abstand halten. Die SDA zum Beispiel hat im erzielten Vergleich darauf verzichtet. Tamedia hat bei diesen Kontrollen übrigens viele Fehler gemacht: Da gibt es den Fall eines Lohnabzugs gegenüber einer Person, die an einem dieser Tage an einer Beerdigung war. Gegen die Gefahr der Lohnabzüge sind die Gewerkschaftsmitglieder übrigens abgesichert: Sie bekommen aus dem Aktionsfonds ein kleines Streikgeld, damit sie nicht in finanzielle Nöte geraten.

Arbeitnehmervertreter und Unternehmensspitze haben sich – wie von Ihnen erwähnt – auf eine Mediation geeinigt. Genützt hat es wenig: Der gedruckte «Le Matin» wurde eingestellt. Bringen Streiks überhaupt etwas?
Wenn sie mit den Streikenden sprechen, dann hören sie, dass es etwas bringt. Die beteiligten Medienschaffenden haben durch den Streik zumindest für eine Zeit wieder die Kontrolle über ihr Schicksal gewonnen. Sie haben nicht nur die Faust im Sack gemacht, während sie entlassen wurden. Sie haben sich nicht einfach ausgeliefert und hilflos gefühlt. Ob es sich am Ende auch noch materiell auszahlt, werden die nächsten Wochen zeigen. Der Fall wird einem Schiedsgericht übergeben. Bei der SDA hat es sich jedenfalls auch materiell gelohnt.

«Konflikte sind da leider vorprogrammiert»

Würden Sie sich wünschen, dass mal alle Schweizer Journalisten aus Solidarität gemeinsam die Arbeit niederlegen?
Ich wünsche mir vor allem, dass die Arbeitgeber es nicht so weit kommen lassen. Dazu müssen sie die Medienschaffenden ernst nehmen, sie dürfen nicht einfach von Qualität sprechen, um im gleichen Atemzug weiter an der Qualität, an der Medienvielfalt zu sparen. Sie müssen das Personal vor Veränderungen einbeziehen, mit den Belegschaften und ihren Gewerkschaften Lösungen suchen, transparenter kommunizieren, frühzeitig in die berufliche Entwicklung investieren, damit Medienschaffende auch in den neuen, digitalen Medien ein Auskommen finden können. Ein GAV mit fairen Arbeitsbedingungen, anständigen Mindestlöhnen und konkreten Mitwirkungsrechten könnte ein erster vertrauensbildender Schritt sein. Arbeitgeber, die alles ignorieren, werden den digitalen Wandel nur mit Mühe weiter kommen, Konflikte sind da leider vorprogrammiert.

Warum gab es eigentlich bei der Einstellung von Barfi.ch, der «Tageswoche» oder dem gedruckten «Blick am Abend» keine Streiks?
Bei einigen der genannten Medien waren die finanziellen Probleme bekannt und es gab im Hintergrund keine Aktionäre und Manager, die hohe Dividenden und Gewinne abschöpfen. Bei vielen wurde das Personal auch transparenter informiert. Zudem konnten die Arbeitgeber glaubhaft versichern, dass die Mittel in faire Sozialpläne fliessen.

Selbst als CH Media den Abbau von 200 Stellen ankündigte, blieb es erstaunlich ruhig. Was ist bei CH Media anders als bei Tamedia?
Wie es genau bei CH Media ablaufen wird, ist noch nicht bekannt. Klar ist jedenfalls, dass die Belegschaften dort sich ebenfalls grosse Sorgen machen. Immerhin hat die Unternehmensleitung signalisiert, dass sie anders vorgehen will. Vielleicht ist dies Ausdruck einer anderen Führungskultur. Daran werden die verantwortlichen Manager dann natürlich gemessen. Letztlich geht es um die Frage, ob die Mitarbeitenden ihrem Arbeitgeber vertrauen. Wir sind jedenfalls in gutem Kontakt mit den Belegschaften und mit der neu gewählten Personalkommission.

Was denken Sie, wird das Jahr 2019 ruhiger als 2018?
Ich hoffe es. Es liegt in der Hand der Arbeitgeber. Wenn die betroffenen Belegschaften sich wehren wollen, unterstützen wir von Syndicom sie natürlich.

Was wünschen Sie sich für das kommende Jahr?
Einen Stopp beim gigantischen, für die Medien bald selbstzerstörerischen Stellenabbau, vernünftige Arbeitgeber, engagiertes und selbstbewusstes Personal. Und: Spannenden, unerschrockenen, verlässlichen, intelligenten und gerne auch mal unterhaltsamen Journalismus!



In der Serie «Persönlichkeiten 2018» lassen wir Menschen, die 2018 von sich reden machten, nochmals zu Wort kommen. Weitere «Persönlichkeiten 2018» finden Sie hier.

bäumeunten_3



Newsletter wird abonniert...

Newsletter abonnieren

Wollen Sie Artikel wie diesen in Ihrer Mailbox? Erhalten Sie frühmorgens die relevantesten Branchennews in kompakter Form.

Kommentar wird gesendet...

Kommentare

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Anzeige
Zum Seitenanfang20190719

Die Branchennews täglich erhalten!

Jetzt Newsletter abonnieren.