24.12.2019

Persönlichkeiten 2019

«Wir mussten unser Umsatzbudget reduzieren»

Bis kurz vor Weihnachten hat Keystone-SDA mit Verlagen über auslaufende Verträge verhandelt. CCO Jann Jenatsch sagt, wie die Gespräche verlaufen sind. Zudem spricht er über die unsichere Zukunft vom Textroboter Lena und den Abgang des Newsroomchefs.
Persönlichkeiten 2019: «Wir mussten unser Umsatzbudget reduzieren»
Jann Jenatsch ist CCO der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. (Bild: Keystone/Alessandro della Valle)
von Michèle Widmer

Herr Jenatsch, Keystone-SDA ist heute eine andere als noch vor einem Jahr. Welche Veränderungen wurden von Aussenstehenden zu wenig wahrgenommen?
Die Schweizer Medienunternehmen stehen vor unglaublichen Umwälzungen. Alle sind stark mit sich selbst beschäftigt. Es kommt mir manchmal vor, als würde dabei in Vergessenheit geraten, wie wichtig die publizistische Grundversorgung der Schweizerischen Depeschenagentur seit 125 Jahren ist. An 365 Tagen im Jahr werden die Medienunternehmen unabhängig, überparteilich und zuverlässig mit Nachrichten und Informationen versorgt. Wir leisten damit einen gesellschaftspolitisch wertvollen Beitrag für unsere Demokratie und sind damit ein verlässliches Fundament. In der Politik ist die Bedeutung der Nachrichtenagentur hingegen weitgehend angekommen.

Doch die Medienwelt ist im starken Wandel. Wie hält Keystone-SDA da Schritt?
Wir sind daran uns zu verändern. In diesem Jahr haben wir mit Live-Videos und Live-Blogs grosses Gewicht auf die Real-Time-Berichterstattung gelegt. Wir haben unser Planungstool, die OpenAgenda, für unsere Kunden geöffnet und sind daran, Sportresultate zu automatisieren. Wir haben die Kulturberichterstattung neu ausgerichtet und den französischsprachigen Regionaldienst erweitert. Zudem sind wir daran, unsere Produkte zu verknüpfen, damit die verschiedenen Formate, also Text, Foto, Video aufeinander verweisen und miteinander kommunizieren.

Sie verhandeln zurzeit mit einzelnen Medien, Ihren Kunden, über die Ende Jahr auslaufenden Verträge. Mit welchen Verlagen konnte Sie die Zusammenarbeit verlängern?
Die Medien sind heute nicht mehr bereit, für Dienstleistungen zu bezahlen, die sie nicht direkt nutzen können oder wollen. Aus diesem Grund haben wir sehr intensiv an einem neuen Tarifmodell gearbeitet. Dieses ist einfacher, individueller und transparenter geworden, die Angebote sind klar definiert und die Angebotsstruktur erlaubt eine nachvollziehbare Tarifierung. Von den Medien ist dieses neue Modell gut aufgenommen worden. Doch die Werbeerlöse der Medienhäuser sinken weiter in dramatischem Umfang. Ein Erreichen der Talsohle ist nicht absehbar. Wenn die Medienhäuser weniger Mittel zur Verfügung haben, trifft uns das ganz direkt. Entsprechend sind die Verhandlungen. Es ist uns aber gelungen, alle Medien, auch CH Media, von unseren Dienstleistungen zu überzeugen und sie, zumindest teilweise und mit reduzierten Diensten, an Bord zu halten. 

«Es sollen keine weiteren Personalmassnahmen nötig werden als die bereits kommunizierten»

Was heisst, dass CH Media mit «teilweise reduzierten Diensten an Bord bleibt» trotz künftig eigenem Newsdesk?
Detaillierte Informationen zu einzelnen Kundenbeziehungen möchte ich keine abgeben. Nur so viel: CH Media wird nicht mehr alle Dienstleistungen bei uns abonnieren. Der entsprechende Vertrag ist noch nicht unterzeichnet.

Was bedeutet das Ergebnis der Verhandlungen mit den Verlagen für Keystone-SDA?
Aufgrund der Entwicklungen im Markt und den Vertragsverhandlungen mit Kunden haben wir unser Umsatzbudget reduzieren müssen. Der Verwaltungsrat hat Hand geboten, die Gewinnerwartung so abzusenken, dass keine weiteren Personalmassnahmen nötig sind als die bereits kommunizierten. 

Auf wackeligen Beinen steht nach dem Weggang von Stefan Trachsel wohl auch das Projekt Lena. Woher nehmen Sie künftig das Know-how für den Textroboter?
Die viersprachige «Lena» hat bei den eidgenössischen Wahlen 2019 unglaubliche 540'000 Chart Views generiert. Es war von Anfang an klar, dass Lena eines Tages auf eigene Beine gestellt werden muss. Jetzt hat dieser Schritt sehr viel schneller zu geschehen, als wir vorgesehen hatten, denn bereits am 9. Februar 2020 sind die nächsten Abstimmungen und da brauchen wir sie, die Lena. Wir haben internes Know-how, gleichzeitig sind wir daran, Lena mit Technologiepartnern zu professionalisieren.

Anfang Dezember wurde bekannt, dass Newsroom-Chef Marcus Hebein die Nachrichtenagentur verlässt. Wie werden Sie seine Stelle neu besetzen?
Die Verschlankung der Organisationsstruktur ist schon lange ein Thema. Im Bereich Content hat es in der Aufbauphase des Newsrooms eine multimediale Leistungsfunktion gebraucht. Diese Zwischenstufe wird nicht wiederbesetzt. Hingegen wird das redaktionelle Führungsteam noch stärker in die Verantwortung eingebunden. Die Verzahnung mit den anderen Bereichen ist ebenfalls ein Thema. So werden wir den Bereich Content noch näher an die Bereiche Operations & Business Services und Marketing & Sales heranführen.

«Für uns waren die Wahlen das Grossereignis schlechthin»

Als weitere Standbeine bietet Keystone-SDA auch Corporate-Angebote sowie IT-Dienstleistungen. Für welche Kunden haben Sie bisher produziert?
In Kooperation mit unseren Technologiepartner APA-IT konnten wir die Somedia als neuen Kunden gewinnen. Die Mobile Publishing Suite (MPS) bringt gedruckte Publikationen aufs Smartphone, Tablet, PC oder eBook-Reader. Die Implementierung erfolgt ab April 2020. Dabei werden die Inhalte der Zeitungen voll automatisiert auf die entsprechenden mobilen Geräte ausgespielt. Anbindungen an bestehende Abonnements-Datenbanken und Zahlungssysteme sind dabei wichtige Bausteine in der Umsetzung.

Keystone-SDA hat ein bewegtes Jahr hinter sich. Was war Ihrer Meinung nach der Höhepunkt, welches der Tiefpunkt?
Für uns waren die Wahlen das Grossereignis schlechthin. Es ist schon sehr begeisternd, wie nach monatelanger Vorbereitung der Newsroom zusammen mit den Regionen, den VJs und den Fotografen an einem solchen Wahlsonntag funktioniert. Erst um Mitternacht, wenn der erste Schub bewältigt ist, die Wahlresultate bekannt sind und auch Lena jede einzelne Gemeinde verarbeitet hat, löst sich die Anspannung und eine gewisse Erleichterung breitet sich aus. Ja, wir waren schnell, schneller als alle anderen, Ergänzungen gab es viele, Berichtigungen fast keine. Eine grosse Freude. Solche Momente lösen umso mehr Begeisterung aus, weil es mir bewusst ist, dass am Tag nach den Wahlen weitergearbeitet wird wie am Wahltag selbst. Solche Höhepunkte machen Tiefpunkte zu Nebenschauplätzen.

In dem ganzen Prozess des Umbaus: Was würden Sie heute anders machen?
Umbauen heisst fokussieren, heisst aber auch kommunizieren, Perspektiven aufbauen. Es braucht viel Übersetzungsarbeit, um Verständnis aufzubauen. Zudem braucht es unheimlich viel Kommunikation und fast immer setzt diese erst dann ein, wenn man glaubt, alles bereits gesagt und erklärt zu haben. Es braucht Strukturen, die funktionieren, vor allem aber braucht es ein Miteinander. Ohne Vertrauen funktioniert weder eine Mitarbeiterbeziehung noch eine Kundenbeziehung.

«Es findet eine Art Generationenwechsel statt und darauf freue ich mich»

Was denken Sie, wird das Jahr 2020 ruhiger als 2019? Was erwarten Sie?
Die Zukunft steht im Zeichen einer raschen Folge an gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen. Viele der uns vertrauten Werte werden in Frage gestellt. Unabhängigkeit und Zuverlässigkeit, jedoch auch ein erklärter Kundennutzen bilden das Fundament unseres Unternehmens, ich habe es bereits erwähnt. In Zeiten der Veränderung sind diese Werte zentral, es gilt sie zu verteidigen und sie auch immer wieder zu justieren. Vor 125 Jahren waren die Schweizer Zeitungen für Nachrichten nicht nur aus dem Ausland, sondern sogar aus dem Inland fast ausschliesslich auf ausländische Presseagenturen angewiesen. Das wurde als unwürdiger Zustand empfunden und führte zur Gründung der damaligen Schweizerischen Depeschenagentur AG. Heute sind wir daran, die Produktion des internationalen deutschsprachigen Dienstes an unseren Partner dpa auszulagern von dem wir ihn bisher bezogen haben. Kundenseitig ändert sich nichts, wir gehen von einer Optimierung der Dienstleistung aus. Vor allem aber erreichen wir damit die Fokussierung auf unsere Kernkompetenz, die Berichterstattung aus der Schweiz.

Sie sind ja 2019 umgezogen an den neuen Standort in Bern Wankdorf.
Wir sind gut angekommen und haben den Newsroom auf neue Beine gestellt. Ab 2020 übernimmt ein neues Führungsteam mit Nicole Meier, Federico Bragagnini, Nicolà Wenger und Sandro Mühlebach, und es wird eine neue Leitung Bild geben. Mit diesen Leuten steht ein starkes Team am Start, das fähig ist, die Herausforderungen zu meistern. Da findet eine Art Generationenwechsel statt und darauf freue ich mich.

Was wünschen Sie sich fürs 2020?
Zentrales Thema im neuen Jahr wird die Erarbeitung einer Grundlage zur Förderung der Nachrichtenagentur sein. Dahinter steht die Aufgliederung des Unternehmens in einen geförderten und einen nicht-geförderten Teil. Voraussetzung dazu ist der Umbau der Unternehmensstruktur, ein nicht ganz einfacher Weg und – wir haben wenig Zeit. Eine für alle Beteiligten zufriedenstellende Lösung muss rasch erarbeitet werden. Ich wünsche mir, dass uns dies gelingt.

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In der Serie «Persönlichkeiten 2019» haben wir Menschen, die im vergangenen Jahr von sich reden machten, nochmals zu Wort kommen lassen. Mit dieser Ausgabe endet die Serie. Die Interviews mit allen «Persönlichkeiten 2019» finden Sie unten aufgelistet sowie auf der Übersichtsseite.

 



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