23.12.2019

Persönlichkeiten 2019

«Entscheide fälle ich nie leichtfertig»

Sendungen absetzen, Redaktionen verschieben und Kritik einstecken: Nathalie Wappler hatte einen bewegten Start als SRF-Direktorin. Ein Gespräch über «immensen Spardruck» und die Reize des Schwingsports.
Persönlichkeiten 2019: «Entscheide fälle ich nie leichtfertig»
Trat im März 2019 die Stelle als SRF-Direktorin an: Nathalie Wappler. (Bild: SRF/Oscar Alessio)
von Edith Hollenstein

Frau Wappler, wir haben Sie als entscheidungsstarke Führungsperson kennengelernt in diesem Jahr. Was war schwieriger: «Schawinski» absetzen oder «Late update»?
Einen Entscheid, eine Sendung nicht weiterzuführen, fällt man nie leichtfertig, und ich beschliesse solche Sachen auch nicht alleine. Alles in allem war ich beim Entscheid, auf «Schawinski» zu verzichten, insofern stärker involviert, als dass ich Roger Schawinski persönlich informiert habe. Er hat sehr professionell reagiert. Und hat sogleich die schon lange hängige Einladung an mich in seine Sendung wiederholt. Ich freue mich sehr, im März in einer der letzten Ausgaben vis-à-vis von Roger Platz zu nehmen.

… Reto Scherrer ersetzen oder Pascal Scherrer?
Das könnten Ihnen die Leute, die den jeweiligen Prozess durchgeführt haben, besser beantworten als ich. Was ich Ihnen sagen kann: So sehr ich den Weggang von Reto Scherrer und Pascal Scherrer bedaure, solche Veränderungen bieten auch immer wieder die Möglichkeit, neue Talente zu entdecken. Wahnsinnig gespannt bin ich auf den ersten «Samschtig-Jass» mit Fabienne Bamert. Sie wird frischen Wind in die altehrwürdige Sendung bringen. Bei SRF 3 hat der Weggang des langjährigen Programmleiters die Möglichkeit eröffnet, die Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen. Das läuft im Alltag sehr gut.

«Die Mischung aus Sport und Volkskultur war einfach grandios»

Und was verblüffte Sie mehr: der Zugang von Daniel Foppa oder die Kündigung von Adrian Arnold?
Jeder ehemalige Fussballer und leidenschaftliche Fussballfan, der angefragt wird, Kommunikationschef beim Schweizerischen Fussballverband zu werden, würde wohl ohne zu zögern Ja sagen. Insofern kann ich die Beweggründe von Adrian Arnold für seinen Transfer zum Fussballverband sehr gut nachvollziehen. Der Zuzug von Daniel Foppa als Produzent beim «Rendez-vous» und in der Nachrichtenredaktion hat mich sehr gefreut. Er bringt ein grosses Know-how in der Inland- und Politberichterstattung mit. Ein grosser Gewinn für uns!

… der mediale Wirbel um «Mona mittendrin» oder der Marktanteil beim Eidgenössischen (ESAF)?
Verblüfft hat mich nicht die Quote des Schwingfests, sondern meine eigene Begeisterung für die Sportart. Das hätte ich vor meinem Besuch in Zug nicht unbedingt erwartet. Besonders imponiert hat mir die Stimmung in Zug, das friedliche Zusammensein der 55'000 Zuschauerinnen und Zuschauer in der Arena. Die Mischung aus Sport und Volkskultur, einfach grandios. Mir hat es am Samstag am ESAF so gut gefallen, dass ich die Wettkämpfe am Sonntag selber gebannt vor dem Fernseher verfolgt habe.

Wie gehen Sie vor beim Entscheiden? Ist das ein langer Prozess oder sind Sie darin routiniert und schnell?
Entscheide fälle ich nie leichtfertig. Wichtig ist mir der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen. Auch wenn am Ende ich als Direktorin einen Beschluss fälle, so ist der Weg dorthin meistens Teamwork.

Wenn Sie das Jahr 2019 in einer Dok-Serie verfilmen müssten: Was für einen Titel würden Sie ihr geben?
«Nathalie mittendrin».

Und was für einen Soundtrack würden Sie wählen?
«Always look on the bright side of life».

«Das war eine belastende Situation für die Betroffenen»

Was ist SRF besonders gelungen in diesem Jahr?
2019 war kein einfaches Jahr für SRF, der Spardruck ist immens. Trotzdem erlebe ich tagtäglich unglaublich motivierte Mitarbeitende, die alle nur ein Ziel haben: ein möglichst vielfältiges, glaubwürdiges und überraschendes Angebot für unser Publikum zu realisieren. Das ist uns auch 2019 sehr gut gelungen. Ich denke an die Wahlsendungen am 20. Oktober, mit denen das Publikum von A bis Z immer auf dem Laufenden war. Oder «Dynastie Knie», der spannende Zweiteiler zum 100-jährigen Jubiläum des Zirkus Knie. Die Liveübertragungen vom Eidgenössischen Schwingfest, welche die ganze Schweiz in ihren Bann gezogen haben und noch viele andere.

Beim Entscheid über den Umzug des Radiostudios Bern: Was war in diesem ganzen Themenkomplex die schwierigste Entscheidung?
Am schwierigsten fand ich die lange Ungewissheit für die Mitarbeitenden. Sie mussten über eineinhalb Jahre warten, bis sie Gewissheit hatten, wo sie künftig ihren Arbeitsplatz haben – Bern oder Zürich. Das war eine belastende Situation für die Betroffenen. Mit dem Entscheid von Mitte Dezember, dass SRF 4 News und die Nachrichtenredaktion nach Zürich kommen, ist diese Ungewissheit endlich vorbei. Darüber bin ich sehr erleichtert.

Nun bleiben also die Inland- und Auslandredaktionen sowie die Sendungen «Echo der Zeit», «Rendez-vous» und das «Tagesgespräch» in Bern. Hingegen kommen SRF-4-News- und die Nachrichtenredaktion nach Zürich. Inwiefern sind Sie persönlich zufrieden mit dieser Lösung?
Sehr. Ich habe immer gesagt, dass wir erst entscheiden, wenn ein überzeugendes publizistisches Konzept vorhanden ist. Das ist nun der Fall. Mit der Bildung von zwei gewichtigen Kompetenzzentren, Hintergrund in Bern, Aktualität in Zürich, stärken wir die Meinungsvielfalt. Keiner der Standorte wird als abgeschlossene Welt alleine funktionieren. Sie werden eng vernetzt untereinander sein und mit den Regionalstudios, der Bundehausredaktion, den Korrespondenten im In- und Ausland oder dem Kompetenzzentrum für Kultur und Wissen in Basel. Durch den Zuzug von SWI swissinfo.ch, dem zehnsprachigen internationalen Auslanddienst der SRG an die Schwarztorstrasse, wird das Studio Bern als publizistischer Standort gestärkt. Ich bin sicher, hier wird es spannende neue Formen der Zusammenarbeit geben.

«Mein Mann und ich feiern Weihnachten in Berlin»

Im September sagten Sie, dass Ihnen im Vergleich zum Vorjahr rund 30 Millionen Franken an Werbeeinnahmen fehlen. Jetzt gegen Jahresende: Können Sie abschätzen, ob diese Zahl stimmt?
SRG-weit haben die Werbeeinnahmen im Vergleich zum Vorjahr um rund 30 Millionen Franken abgenommen.

Wie werden Sie Weihnachten und Neujahr verbringen?
Mein Mann und ich feiern Weihnachten in Berlin und wir werden uns eine schöne Weihnachtsmesse inklusive Weihnachtsoratorium aussuchen. Wir treffen viele Freunde, die wir teils schon lange nicht mehr gesehen haben. Ich freue mich sehr darauf, ein doch sehr aufregendes und auch anspruchsvolles Jahr so entspannt ausklingen zu lassen. 

Das Interview wurde schriftlich geführt.

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In der Serie «Persönlichkeiten 2019» lassen wir Menschen, die im vergangenen Jahr von sich reden machten, nochmals zu Wort kommen.
Weitere «Persönlichkeiten 2019» finden Sie unten aufgelistet sowie auf der Übersichtsseite.

 



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